Pyt Kramer,

EINE PHONOLOGISCHE KATASTROPHE

(Übersetzung von: In fonologyske ramp,
Beitrag zum 12. friesischen Phililogengress
der Fryske Akademy, 1991)

(Anhang hinzugefügt).

 

Zusammenfassung - Altfriesisch a: (entsprechend Germanisch au und zum Teil ai) hat sich im Saterfriesischen entwickelt zu [o:], was führte zur phonologischen Opposition [o:] - [ou]. Diese Entwicklung wird verursacht sein durch ein neues [a:] infolge Dehnung des kurzen a in offener Silbe, was sich wiederfindet in der heutigen Opposition [o:] - [a:]. Auf diesem Grund wird die Annahme gemacht, daß das altfriesische Phonemsystem der langen Vokale explodierte im 14. Jahrhundert infolge einer plötzlichen Erscheinung gedehnter Vokale, vorallem in Lehnwörter. Die Dehnung kann der Sprache sogar auferlegt worden sein durch wiederholte Entlehnung. Diese Hypothese würde die starke mundartliche Spaltung im Neufriesischen erklären. Auch könnte sie ein neues Licht werfen auf das Problem der Ursprung und der Änderung der Sprachen im allgemeinen.


Vor ungefähr achtzig Jahren soll Ferdinand de Saussure, der Grundleger des Strukturalismus, der Erste gewesen sein, der eine scharfe Scheidung legte zwischen historische und synchrone Sprachwissenschaft1. Es sieht so aus, als ob man das Grenzgebiet zwischen den beiden Fachrichtungen seitdem etwas gemieden hat. Es ist deshalb nicht ohne Zaudern, dass ich mich in diesem Grenzgebiet wage.

Meinen Vortrag wird sich zuerst befassen mit der Entwicklung des altfriesischen a: im Saterfriesischen, die friesischen Sprache die etwa 30km von der holländischen Grenze in Oldenburg gesprochen wird. Das Saterfriesische umfasst drei Mundarten, die von Strücklingen (Strukelje), die von Ramsloh (Roomelse) und die von Scharrel (Schäddel). Meine Beispiele entstammen der Mundart von Scharrel, die den wenigsten Neuerungen ausgesetzt scheint gewesen zu sein.

In Saterfriesischen ist das alte a: zu [o:] geworden, z.B. Boom 'Baum'. Mit dem Produkt des alten o: liefert das die bemerkenswerte phonologische Opposition [o:] - [ou] mit den Minimalpaaren2:

   
Brood 'Brot' Brooud 'Brut'
Dook 'Nebel' Doouk 'Tuch'
foolgje 'leicht pflügen' fooulgje 'folgen'
ljoo 'lieb' ljoou 'lau'
noodelk 'ängstlich' nooudelk 'nördlich'
ploogje 'plagen' ploougje 'pflügen'
Rook 'Rauch' Roouk 'Saatkrähe'

Es handelt sich hier also deutlich um zwei Phoneme, aber die liegen so dicht beieinander, dass sie für einen nicht Saterfriesisch Sprechender kaum zu unterscheiden sind. Sogar der grosse Untersucher des Saterfriesischen im 19. Jh. - Johann Friedrich Minssen - bracht beide Phoneme unter einem Zeichen zusammen, während er sonst doch sehr pünktlich war in seine Lautwiedergabe3.

Dass es sich aber doch um zwei Phonem handelt, lässt sich daraus ableiten, dass das [ou] besonders in der Strücklinger Mundart zu []u] geworden is, während das nicht mit dem [o:] geschah.


Wie bekam das Saterfriesische so eine enge4 Opposition, die für dem Verstehen ein deutliches Problem dastellt? Man könnte da denken an der allgemeine Tendenz der Sprachen zu eine mehr geschlossene Aussprache5. Soweit aber im Niederdeutschen der nächsten Umgebung auch ein altes a bestand, ist dieses garnicht oder nur wenig geschlossener geworden6.

Das könnte an sich dann wieder herkommen von einen auch in andern Sprachen beobachteten Mechanismus, der das Entstehen von zu engen Oppositionen verhindert7. In der niederdeutschen Umgebung drohte aber keineswegs das Enstehen einer so grossen Anzahl enger Minimalpaare8.

Man sollte deshalb bald annehmen, dass im Saterfriesischen einen anderen Kraft wirksam gewesen ist, der dazu führte, dass das Produkt des alten a: so sehr geschlossen wurde. Diesen Kraft können wir m.E. finden in der saterfriesischen Opposition [o:] - [a:] mit den folgenden Beispielen9:

   
Boore 'Bohre' Baare 'Bär'
Hoose f. 'Strumpf' Haase m. 'Hase'
Hooke 'Heuhaufen' Haake 'Haken'
Looge 'Seifenlauge' Laage 'Schicht'
rookje 'rauchen' raakje 'treffen'
smookje 'räuchern' smaakje 'schmecken'
wook 'weich' waak 'wach'

Bei einen Teil und vielleicht sogar bei der Mehrheit der Wörter in der ersten Spalte lässt sich das [o:] aus afr. a: ableiten. Beim Zusammenfallen mit dem neuen [a:] aus der rechte Spalte würde das zu Verstehens-Probleme geführt haben. Aus dieser Ursache heraus wird das alte [a:] nach [o:] verschoben sein10.


Das war im Saterfriesischen. Wenn wir jetzt aber die anderen friesischen Mundarten umherum betrachten, so stellt sich heraus, dass das alte a: überall verschwunden ist11. Da kann m.E.nur Eines gefolgert werden: das altfriesische a: könnte nicht bestehen bleiben.

Das Ganze wird verursacht sein durch das Entstehen des neuen [a:]. In der rechte Spalte der obenstehenden Beispielen handelt es sich fast immer um Dehnung in offener Silbe, auch in einigen Lehnwörtern. Es sieht also aus, dass die Dehnung die Endursache ist12.

Die Dehnung in offener Silbe ist eine allgemein-westgermanische Erscheinung in einer Zeit in welche die einzelnen Sprachen schon lange existierten. Sie wird ihre Ursache gefunden haben in der zunehmenden Betonung der ersten Wortsilbe, die die Dehnung der kurzen betonten Lauten veranlasste13. Im Friesischen wird dieser Tendenz schwächer gewesen sein als in den Nachbarsprachen, wie man sehen kann an den vollen Vokalen in den Wortendungen im Altfriesischen und im Wangeroogischen, sowie an der Erhaltung bis heute von Ausgangssilben die in den Nachbarsprachen verschwunden sind14.

Man würde also erwarten, dass die Dehnung im Friesischen hinterhergeblieben sein sollte bei die der Umgebung, aber das ist nicht der Fall, besonders im Saterfriesischen nicht15.

Man kann sich fragen, wie diese Dehnung sich dann doch von Sprache zu Sprache hat fortsetzen können. Die Antwort könnte sein: durch Lehnwörter. Beim immer von neuem entlehnen wurde Dehnung in der einen Sprache vielleicht &ldquokopiert&rdquo in die andere16.

Dehnung und Lehnwörter werden auch Einfluss ausgeübt haben in der vornste Spalte des Vokalsdiagrams, wo im Saterfriesischen die enge Opposition [e:] - [ei] entstanden ist17.

Man muss also konkludieren, dass infolge solcher Wirkungen das altfriesische System der kurzen Vokalen sich in den modernen Mundarten völlig geändert hat. Wen wir als Arbeitshypothese ausgehen von einem von den altfriesischen Handschriften suggeriertes System von drei Reihen mit insgesamt fünf langen Vokalen18, dann sind also im Saterfriesischen zwei hinzugekommen, ungerechnet noch den jüngeren [e:] en []:]. So ein einfaches Phonemsystem wie das altfriesische würde den heutigen Wortschatz auch nicht verarbeiten können.


Das ist die Grundlage meiner Argumentation und darauf möchte ich jetzt mit einfachen Geräten weiterbauen. In den altfriesischen Quellen lässt sich laut Sjölin19 keinen deutlichen mundartlichen Unterschied finden. Ohne Rechtssprache und Umgangssprache ganz gleichzustellen, sieht es doch danach aus, dass die Friesen von Ost und West sich ohne viel Mühe miteinander verstanden haben.

Wie ganz anders sieht die Sprachkarte heute aus: die Mundarten von Hindelopen, Schiermonnikoog, das Saterfriesische und das Nordfriesische in seiner Verschiedenheit lauten den Westfriesen als fremde Sprachen und sind von denen ohne weiteres Studium nicht zu folgen.

Das zeigt auf eine grosse Änderung. Doch hat z.B. das Saterfriesische - insofern es aus dem Schriftbild abzuleiten ist - sich in den letzten 200 Jahren kaum geändert20. Es bleibt deshalb kaum Anderes, als zu schliessen auf einer plötzlichen Änderung. Das gäbe auch einer Erklärung für die heutige mundartliche Verschiedenheit: die Änderung ging so schnell vor sich, dass sie nicht von gegenseitigen Kontakt ausgeglichen werden konnte.


Über die Ursache der Sprachänderung im Allgemeinen ist man sich nicht im Klaren. Lass21 meinte, dass Sprachänderung nicht erklärt werden kann, wenn man sie nicht voraussagen kann. Mit aus Anlass dieser Ausspruch fand 1985 in Amsterdam eine Arbeitstagung statt unter den etwas unbestimmten Namen "Explanation and Linguistic Change". Das dort besprochene blieb m.E. auch etwas unbestimmt, mit als grösster Wahrheit die Anführung einer Ausspruch Sapirs aus dem Jahre 1921 in dem er sagt, dass es eine vereinfachende Entwicklung gibt22. Man hat aber darauf hingewiesen, dass dann der ursprüngliche Sprache wohl sehr kompliziert gewesen sein muss23. Eine brauchbare Theorie über Sprachänderung scheint also noch auszustehen.


In dieser Diskussion möchte ich die grundsätzliche Tatsache hervorheben, dass Sprache ein Kommunikationsmittel ist. Oft ist es von Lebensinteresse, verstanden zu werden. Wenn dann durch Dehnung lästige Homonyne drohen zu entstehen, kommt es zur phonologischen Not und wird die Sprache sich anpassen. Dabei kann man sich eindenken, dass das alte a: schon geschlossenere Variante oder Allophone - [e:], []:] - hatte und dass die jetzt allgemein wurden, während man das reine [a:] für den gedehnten Laut benutzte.

Der skizzierte Sachverlauf gibt auch einen möglichen Grund für den grossen Unterschied zwischen den westlichen und den östlichen friesischen Mundarten. Das Niederdeutsche zeigt schon früh einen Wechsel von [a:] und []:]24, die im Holländischen unbekannt war, während das Holländische späterhin wieder einen Wechsel von [a:] en [e:] zeigte25. So können diese Nachbarsprachen durch ältere Lehnwörter das Ganze beeinflusst haben. Im Nordfriesischen ist auch mit dem Einfluss des Dänischen zu rechnen26.

Wie werden die Leute dann diese Änderung erfahren haben? Wohl nicht als sehr eingreifend, wenn es sich wirklich nur um dem Verzichten auf eine Aussprachevariante des alten a: handelte. Es waren doch nur kleine Verschiebungen und man redete einfach weiter Frysk - Fräisk - Frasch. Erst im Kontakt mit den anderen Friesen wird man es wie einen Schlag erfahren haben.

Lässt uns mal das Hindelopensche betrachten. Es sieht so aus, als ob die Städter sich mehr am Alten hielten; ihr baim 'Baum' steht viel näher zum altfriesischen bâm als das beam der bäuerlichen Umgebung. Für mich sieht es aus, als ob das Hindeloopensche der Prototyp des (später stark holländisch gefärbtem) Stadtfriesischen ist. Das Festhalten am Alten wird dort aber sehr sehr enge phonologische Oppositionen gegeben haben, wie die offensichtlich noch bestehen im Hindelopenschen27. Das wurde wie im Saterfriesischen von den Fremden nicht verstanden und es ist nicht zu wundern, als sich in den grösseren Städten nach 1515 die langen Vokalen den neuen fremden Herren anpassen mussten. In dem Fall wäre das Stadtfriesische nicht wie bisher angenommen "Niederländisch in friesischen Münden", sondern echtes Friesisch, dass in der Lösung seiner phonologischen Probleme stark durch das Niederländische beeinflusst wurden ist. Eine gleichartige Lösung könnte man erwägen für alle friesischgefärbten Mundarten, wie Ameländisch, Stellingwerfisch (vielleicht), Westfriesisch um Alkmaar, Groningisch und Ostfriesisch, wobei auffällt, dass einige sich sogar "Friesisch" nennen. Dass die Änderung dabei auch exotische Wege wählen könnte, sieht man an der Betonung des zweiten Wortsilbes im Wurstfriesischen28.


Jetzt möcht ich die Zeitskala dieser Erscheinung betrachten. Zuerst ist zu bemerken, dass eine phonologische Änderung im Prinzip abrupt ist29. Vom dem Moment an, dass das erste Wort mit dem neuen Phonem gesprochen wurde, war die Änderung da. In dem Augenblick wurde in einer Gegend bestimmt, ob dort das alte a: in Zukunft [o:] sein würde oder [eb]. Durch die geographische Lage der unterschiedenen Gegenden des friesischen Sprachgebietes werden im Spätmittelalter die Kontakte zwischen jeder jener Gegenden mit anderen Sprachen häufiger gewesen sein als die innerfriesischen Kontakte. So konnten sich völlig unterschiedliche Lösungen phonologischer Probleme verbreiten.

Wie gesagt, handelt es sich bei der Opposition [o:] - [a:] bei den Wörtern mit [a:] in bald allen Fällen um einem in offener Silbe gedehnten kurzen [a]. Das heisst wohl, das der Not zur Anpassung des alten a: nicht kam bevor der Dehnung. Wann das gewesen ist, hat Hofmann an Hand der Schreibung verfolgen können. Im westerlauwerschen Friesisch hatte es vielleicht erst angefangen im 14. Jahrhundert, während schon um 1400 die Dehnung vollendet war30. Das heisst, das in derselben Zeit das alte a: seine angenommene Aussprache (Zeichen davon noch in Saterfriesisch gratter, hagger usw.) verloren haben muss und in geschlossener Varianten auseinder fiel.

Dass davon in der altfriesischen Schriftsprache nicht viel zu bemerken ist, findet wohl seine Ursache im möglichen Existenz einer Zwischenstufe []:] und [e:]31. Solche Laute konnten noch leicht mit a wiedergegeben werden. Später aber entstanden sonstige Dehnungsprodukte, wie im westerlauwerschen stêd und im saterfriesischen loang, und das könnte dazu geführt haben, dass die Produkte des alten a: sich schliesslich zu [eb] und [o:] entwickelten und deshalb schwerlich in einer Schreibung unterzubringen waren32.

Es lohnt der Mühe, die gewaltige soziale Einflüsse einer solchen Entwicklung zu betrachten. Das ganze Sprachgebiet des Altfriesischen als Schreibsprache33 war in kurzer Zeit auseinander gefallen. Landsleute aus verschiedenen Gegenden verstanden sich nur noch halb. Es ist nich unmöglich, dass die schreckliche innerfriesische Konflikte des 15. Jhs. zusammenhängen mit so einer sprachlichen Änderung. Der wirkliche Antrieb zum Ganzen wird seinen Ursprung finden in der starken Abnahme des friesischen Handels sowie der Bedeutung Frieslands in jener Zeit34, so dass neue Begriffe und damit neue Wörter von aussen hinein strömen könnten.


Ik hab mich bewegen lassen, auch in anderen Sprachen nach gleichartige Erscheinungen zu spüren. Dazu gehe ich noch ein Jahrtausend weiter zurück. Die Germanen brechen durch die Grenzen des römischen Reiches. Auf einmal hatten sie zu schaffen mit einer grossen Menge fremder neuer Begriffe mit dazu gehörigen Wörtern. Und dann sind da auf einmal alle diese Sprachen: Altenglisch, Althochdeutsch, Altsächsisch, Altfriesisch und vielleicht sogar Altniederfränkisch, obwohl doch zuvor der Unterschied viel geringer gewesen sein muss35.

Wir können noch weiter zurückgehen und hinweisen auf dem nahezu spurlos verschwinden des keltischen Gallisch36. Sollten wir vielleicht das Französische wie eine Art "Stadtgallisch" betrachten? Und das Rumänische, so isoliert dort auf dem Balkan, ist das vielleicht "Stadtdakisch"?

Es sieht aus, als ob die grosse Sprachänderungen auf einmal geschehen, stossartig, unter den Einfluss von Lehnwörtern. Die späteren langsamen Änderungen sind meistens nicht mehr als Heilung der enstandenen Risse.

Wenn das alles zutrifft, so haben wir eine wichtige Angabe über die Weise der Enstehung und der Änderung der Sprachen. Dann wären das Friesische und die friesisch gefärbten Mundarten eine Dokumentation viel grösserer Wichtigkeit als bisher angenommen. Eine Dokumentation die es ermöglicht, diese Art Erscheinung in Einzelheiten zu studieren.

Diese Hypothese mag viele bisher unverstandene Fakte erklären, aber es bleibt noch Vieles daran nachzuschleifen. Es fehlen uns historische Nachrichten über solche phonologische Explosionen, es sei denn die biblische Geschichte des Turmbaues zu Babel37, auffälligerweise auch wieder in einer Situation, in die sicherlich viele neue Terminologien ausgetauscht wurden.

Aus der heutigen Welt sind uns solche Erscheinungen nicht bekannt geworden, wenn es auch Sprachen gibt, die zu verschwinden drohen oder solche, die kürzlich verschwunden sind. Bemerkenswert in dieser Hinsicht ist die stark wechselnde Aussprache, der Siebs38 im aussterbenden Wangeroogisch fand. Die Untersuchungen auf dem Gebiet der Spracheninterferenz könnten hier wichtiges Material ergeben. Vielleicht könte man dann auch die Herausforderung Lass'es annehmen und vorhersagen, ob die 'grossen' Sprachen auch kurzfristig so einer Katastrophe droht und sie wie ein modernes Babel untergehen werden.

7 sept./ 4 okt./ 15 des. 1990.


NOTEN:

1. Anderson, s. 6.

2. Die Wörterbücher buchstabieren (in ramsloher Mundart) ou statt oou. Die Herkunft der Wörter ist:

   
afr. brâd Siebs 1889.286 afr. brôd?, vgl. Spenter 233
mnd. dâk?, vgl. Schönhoff 52 afr. dôk Siebs 1889.233
afr. *falgia, vgl. Löfstedt 1928.134 afr. folgia, vgl. Siebs 1901.1200
afr. liaf Siebs 1889.301 afr. *hliô? Kramer 1989.123
afr. nâd- mit ausgebliebener Umlaut neben nêd, Siebs 1901.1233 afr. nôrth- Siebs 1901.1200
mnd. plâgen, vgl. Löfstedt 1931.167 afr. *plôgia Siebs 1889.234
afr.*râk wird offenbar angenommen von Siebs 1901.1387, vgl. Syltringisch Rook und für dem Ausbleiben des Umlautes Siebs 1901.1233 afr. *rôk, vgl. Löfstedt 1928.84.

Es stellt sich heraus, dass jetzt für Syltringrisch Rook das Niederdeutsche als Quelle angenommen wird (V. Faltings, freundliche Mitteilung). Das wäre auch möglich für das Saterfriesische, aber dann hätte man anzugeben, was die Ursache so einer Entlehnung sei. Das könnte in diesem Fall der Einfluss des häufigen Verbs reeke 'geben' sein.

3. Z.B. dôk 'Nebel' en 'Tuch', Minssen 2.90.

4. Vgl. 'Too close .. phonologically' Anderson 124.

5. Z.B. im Englischen im 15. Jh.; s. Anderson 138.

6. Z.B. plå:gng, plâgng Matuszak 110.

7. Anderson 107.

8. In der niederdeutschen Umgebung des Saterlandes ist die obererwähnte enge Opposition nur zu finden für Brood - Brooud im an Scharrel grenzenden Lorup. In den anderen Fällen ist sie zuvorgekommen durch Umlaut oder durch ein anderer Wortschatz (z.B. Krai statt Roouk).

9. Die Wörterbücher buchstabieren (in ramsloher Mundart) oa statt aa. Die Herkunft der Wörter ist:

   
afr. bora?, vgl. Löfstedt 1928.234 afr. *bara? Löfstedt 1931.66
alt *hosa Löfstedt 1928.233 afr. *hasa Siebs 1889.67
afr. *hâ-kokka? Mit Ausfall der unbetonten Mittelsilbe, vgl. engl. hay-cock, nhd. mda. Kocke, dänisch kok(k) Pokorny 394 afr. *haka? Löfstedt 1931.57, Spenter 170
afr. *lâga, vgl. Spenter 173 afr. laga, vgl. Spenter 156
afr. *râkia? vgl. râk Note 2 afr. *rakia?, vgl. Spenter 171 oder mnd. râken? Löfstedt 1931.57
mnd. smôken? afr. smakia Löfstedt 1931.58
afr. *wâk Siebs 1889.272 mnd. wake?, vgl. Kluge bei wach

10. Es handelt sich hier nur um eine kleine Reihe Minimalpaaren und eine Sprache kann auch schon einige Homonyme ertragen. Es ist aber möglich, dass hiermit nicht alle Paaren im Saterfriesischen gefangen sind und sicherlich nicht solche aus allen Jahrhunderten. Ausserdem könnte es sein, dass der Zusammenfall beider Phoneme auf Satzebene Probleme verursachte, z.B. als Satzteile mit anderen Satzteile verwirrt wurden.

11. Kramer 1989.118.

12. Nach meiner Erinnerung ist diesen Zusammenhang schon früher irgendwo in der friesischen Fachliteratur berührt worden.

13. Vgl. für dem lateinischen Anderson 132.

14. Vgl. Saterfriesisch Doore 'Tür', Hounde 'Hand', Tume 'Daumen', Sträite 'Strasse'.

15. Dabei sogar Fälle wie der Plural Feete bei Fät 'Fass', vielleicht mit [e:] < [e:]. Im westerlauwersch Friesischen sind viele solcher Laute offenbar durch Analogie wieder gekürzt worden (z.B. Siebs 1901.1201), vgl. Saterfriesisch Loote, spreeke und wfr. lotten, sprekke.

16. W. Visser zeigte im Kongress daraufhin, dass das strittig ist mit dem gewöhnlichen Lauf der Dinge, wobei das entlehnte Wort die weitere Lautentwicklung der empfangenden Sprache folgt. Solches hängt m.E. aber davon ab, wie schnell die Änderungen an gebender Seite verlaufen. Man könnte dabei denken an den Fakt, dass verschiedene Wörter die vor fünfzig Jahren mit französischer Aussprache entlehnt wurden, jetzt von neuem in englischer Aussprache entlehnt werden.

17. Kramer 1989.124.

18. Kramer 1989.120.

19. Sjölin 1966.32, man vergleiche auch Sjölin 1984.

20. Die jetzt in Strücklingen noch nicht ganz durchgesetzte Entwicklung [ei] > [ei] z.B. ist schon abzulezen an slijpen 'schlafen' bei Westendorp 1819.101.

21. Lass 1980.

22. 'Convergent evolution', Lass 1987.168f.

23. Anderson 128.

24. Lasch 64ff.

25. Van Bree 157.

26. Löfstedt 1928.XI.

27. Z.B. [a:] und []:], Blom 6.

28. Hofmann 1961, Möllencamp 1968.

29. Z.B. Toon 279. In diesem Fall wird die Entwicklung im Gang gesetzt sein an dem Augenblick, dass das kurzgebliebene [a] und sein zu [a:] gedehntes Produkt nicht mehr als ein Phonem funktionieren. Das geschieht m.E. an dem Moment dass nur ein Sprecher nicht mehr der Underschied zwischen langen und kurzen Konsonanten machen kann (vgl. Hofmann 1969). Und das ist eine abrupte Sache.

30. Hofmann 1969.75. Der Artikel hat mein Denken sicherlich in dieser Richtung beeinflusst.

31. In Kramer 1989.122f. habe ich diese Zwischenstufe als 'nicht notwendig' betrachtet, aber das heisst nicht, dass sie 'unmöglich' ist.

32. Darauf deutet vielleicht, dass das Reglement der Vollmächte von Riperahem aus 1522, "op Vriesche tale geschreven", im Jahre 1591 "naer deser tegenwoordige tyden en talen getranslateert" werden musste, offensichtlich auf Antrag der Vollmächte, deutlich alle Friesen (Charter-Boek van Vriesland II 429-431; Prof. Breuker schickte mir diesen Text freundlicherweise).

33. A. Feitsma in Fernsehsendung über Gysbert Japiks, Omrop Fryslân 1989.

34. Slicher van Bath 222f.

35. Z.B. van Bree 95.

36. Gregor, Seite 20, der es aber erklärt durch massenhafte Auswanderung nach Irland.

37. "Er sprach: (..) Auf, steigen wir hinab und verwirren wir dort ihre Sprache, sodass keiner mehr die Sprache des anderen versteht. Der Herr zerstreute sie von dort aus über die ganze Erde und sie hörten auf, an der Stadt zu bauen" Genesis 11: 6-8. Wenn man auch nicht den buchstäblichen Text glaubt, so sollte man doch annehmen, dass es ein derartiges Geschehen gegeben hat.

38. Siebs 1901.1379.



LITERATUR.

J.M. Anderson, Structural Aspects of Language Change, London (Longman), 1973.

G. Blom, Hylper wurdboek, Ljouwert (Fryske Akademy), 1981.

C. van Bree, Leerboek voor de historische grammatica van het Nederlands, Groningen, 1977.

D.B. Gregor, Celtic, A Comparative Study, Cambridge (Oleander), 1980.

D. Hofmann 1961 in Zeitschrift für deutsches Altertum 90, Seite 203-222.

D. Hofmann 1969 in Studia Frisica, tinkskrift Prof. Dr. K. Fokkema, Grins (Wolters), Seite 67-75.

F. Kluge, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, Berlin 197521.

P. Kramer 1989 in Us Wurk 38, Seite 118-126.

A. Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, Halle a.S. (Niemeyer), 1914.

R. Lass 1980, On Explaining Language Change, Cambridge.

R. Lass 1987 in: W. Koopman e.a., ed. Explanation and Lingual Change, Amsterdam (Benjamins), Seite 151-176.

E. Löfstedt 1928, Der nordfriesische Mundart des Dorfes Ockholm und der Halligen, I, Lund (Gleerup).

E. Löfstedt 1931, Nordfriesische Dialektstudien, Lund (Gleerup).

H. Matuszak, Die saterfriesischen Mundarten von Ramsloh, Strücklingen und Scharrel inmitten des niederdeutschen Sprachraums, Diss., Bonn (1951).

J.F. Minssen, Mittheilungen aus dem Saterlande (1846), 2. Beend, Ljouwert (Fryske Akademy), 1965.

J. Pokorny, Indogermanisches etymologisches Wörterbuch, I, Bern (Francke), 1959.

H. Schönhoff, Emsländische Grammatik, Heidelberg (Winter), 1908.

Th. Siebs 1889, Zur Geschichte der englisch-friesischen Sprache, Tübingen, neiprinte Wiesbaden (Sändig), 1966.

Th. Siebs 1901 in H. Paul, (red.), Grundriß der germanischen Philologie, Strassburg, Band II:2, Seite 1152-1464.

B. Sjölin 1966 in Us Wurk 15, s. 25-38.

B. Sjölin 1984 in Miscellanea Frisica, feestbondel Prof. Dr. H.T.J. Miedema, Assen (Van Gorcum), Seite 55-66.

B.H. Slicher van Bath in J.J. Kalma e.o., red., Geschiedenis van Friesland, Leeuwarden (Miedema), 1973.

A. Spenter, Der Vokalismus der akzentuierten Silben in der Schiermonnikooger Mundart, Kopenhagen (Munksgaard), 1968.

T. Toon 1987 in: W. Koopman (sj. Lass 1987).

N. Westendorp in Antiquiteiten 1.2, Groningen 1819, Seite 89-101.


ANHANG

Mit Hilfe meines Rechtschreibprüfungsprogramms wp{wp}sv.fand ich noch elf Minimalpaare [o:]-[a:] im Saterfriesischen. Diese sollten also die sieben mit Boore-Baare hinzugefügt werden.

   
boodje 'benachrichtigen' baadje 'baden'
Boone 'Bohne' Baane 'Bahn'
(hi) boont 'bant' (hi) baant 'brennt'
ferkoolje 'täuschen' ferkaalje 'sich erkälten'
koopje 'kaufen' kaapje 'freien' (verältet)
kloodje 'kleiden' klaadje 'sudeln'
knoopje 'knüpfen' knaapje 'knacken'
roogje 'sich rühren' raagje 'ragen'
(hi) sooch 'sog' (hi) saach 'sah'
toogje 'rechen' taagje 'reizen'
(hi) woonde 'wohnte' (hi) waande 'gewöhnte'

Um anzugeben, dass es auch im westerlauwerschen Friesisch phonologische Probleme ergeben musste, folgt hier eine Liste von Minimalpaare mit ea - aa, die gefunden ist mit Hilfe des Rechtschreibprüfungsprogramms Frysk der Fryske Akademy. Einfluss jüngerer Brechung ist nicht in Betracht gezogen, ebenso wenig wie die der spätere Zusammenfall des -d und -t. Es findet sich also nicht sleat-slaad als Minimalpaar.

   
eachje 'Augelchen' aachje 'Jungfer Neugier'
beantsje 'kleine Bohne' baantsje 'Pöstchen'
bear 'Bär' baar 'Woge'
beare 'aufschneiden' bare 'kneten'
dreager 'Milchschleuder' drager 'Trager'
fear 'Fähre' faar 'Vater'
geal 'Nachtigall' gaal 'dünne Stelle'
heakje 'haken' haakje 'häkeln'
heare 'hören' hare 'sich zanken'
keap 'Kauf' kaap 'Kap'
keaper 'Käufer' kaper 'Kaper'
kearde 'kehrte' kaarde 'kardete'
leach 'Lauge' laach 'Schicht'
leavje 'lieben' laavje 'laben'
lead 'Blei' laad 'Lade'
meane 'mähen' mane 'mahnen'
(ik) neam 'nenne' (ik) naam 'nahm'
pleagje 'plagen' plaagje 'Plaggen stechen'
pream 'Prahm' praam 'Nasenkneipe'
reaf 'Strähne' raaf 'Rabe'
reak 'Haufen' raak 'Chance'
reap 'Tau' raap 'Rübe'
skeadzje 'schäden' skaadzje 'schatten'
skeaf 'Garbe' skaaf 'Hobel'
skeare 'rasieren' skare 'aufstellen'
tean 'Zehe' taan 'Lohe'
teapje 'sich zanken' taapje 'zapfen'
weach 'Wand' waach 'Waage'
wear 'Widder' waar 'Ware'
weazich 'dreckig' wazich 'nebelig'

Diese Liste korrespondiert mit jener für [o:]-[a:] im Saterfriesischen. Der grössere Zahl der Paare (30 gegen 18) wird seinen Grund darin finden, dass das westerlauwersch Friesische besser dokumentiert ist, und dass es auch weniger Wortendungen auf e- hat, z.B. in leach neben saterfriesisch Looge (vgl. Note 14). In den meisten Fällen ist dort ea entstanden aus altfriesisch [a:] und drohte also Zusammenfall von Minimalpaare. Auffällig ist, dass es sich bei den Minimalpaaren oft um ganz andere Wörter handelt als im Saterfriesischen, was zussammenhängen könnte mit einer Unterschied zwischen Einfluss aus dem Mnl. und aus dem Mnd.

In seinen Beitrag zum zweiten Föhrer Symposium wies Hines (1995:51) hin auf die starke Spracherneuerung im Altenglischen seit dem fünften Jahrhundert. Er erklärt die aus den Sprachwillen des Volkes (58 und Nachbesprechung des Symposiums). Diese Erneuerung bildet aber auch eine Illustration meines Beitrags, geachtet den Fakt, dass die nach Brittannien ausgewanderten Angelsachsen in Berührung kamen mit einer Kultur, die viel weiter entwickelt war als die Ihrige, was unentrinnbar führen musste zu einen Zufluss neuer Wörter. Zwar vernichteten sie anfangs diese Kultur weithin, aber später übernahmen sie die doch. (van Caenegem 1982).


R.C. van Caenegem, Geschiedenis van Engeland, 's Gravenhage/Antwerpen 1982.

J. Hines, Focus and boundary in language varieties in the North-West Germanic continuum yn: V. F. Faltings e.o. [útj.] Friesische Studien II (=NOWELE Supplement vol. 12), Odense 1995:35-62.